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5. Deutsche Kulturtage 2012

Die 5. Deutschen Kulturtage vom 20. bis 22. September 2012 in Erfurt waren wieder ein großes Ereignis für taube, hörbehinderte und gebärdensprachige Menschen. Diesmal waren etwa 2.300 Personen aus Deutschland und auch aus anderen Ländern dem Aufruf des Deutschen Gehörlosen-Bunds (DGB) gefolgt, um diesem Höhepunkt beizuwohnen und mitzuerleben, was die (deutsche) Gehörlosenkultur alles zu bieten hat. Der DGB hat gemeinsam mit dem Organisationsteam der Kulturtage wieder einmal bewiesen, dass er solch eine große Veranstaltung erfolgreich durchführen kann.

Das Thema „Inklusion“ war diesmal der ‚Renner‘ bei den Kulturtagen. Das Anliegen, welches hinter dem Schlagwort „Inklusion“ steckt, hat es auch verdient, so oft erwähnt zu werden. Das positive Gefühl, das gelebte Inklusion auslösen kann, sollte gänzlich begriffen werden können. Die Exklusion (Ausgrenzung), die jahrzehntelang der Gehörlosengemeinschaft widerfahren war, gehört langsam aber unaufhaltsam der Vergangenheit an.

Bildungspolitik, Kulturpolitik, Bürgerbeteiligung, Kampf gegen Diskriminierung usw. waren Themenfelder, mit denen sich die Besucher auf den Kulturtagen auseinandergesetzt haben. Bei diesen Veranstaltungen waren fast immer taube und gebärdensprachige Menschen gefragt, sie konnten von ihren Erfahrungen berichten und vermitteln, was demnächst zu erreichen ist. Es ist nicht mehr zu übersehen: Gehörlose schaffen sich mehr und mehr Gehör und fordern mehr Beteiligung in den gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungsprozessen. Das erinnert an die „Vancouver Erklärung“ von der Internationalen Hörbehindertenpädagogen-Konferenz 2010, die besagt, dass eine neue Ära der Zusammenarbeit und Partnerschaft eingeläutet werden sollte nach 100 Jahren Diskriminierung der Gebärdensprache und der Gehörlosenkultur. Es ist erfreulich, dass viele Wissenschaftler, ob taub oder hörend, in Gebärdensprache Vorträge hielten oder Workshops durchführten. So können diese viel mehr als bisher mit interessierten Teilnehmern der Kulturtage in Kontakt treten und einen Austausch herbeiführen, der für beide Seiten anregend ist. Die Arroganz und Vormachtstellung der Wissenschaftler in der oralistischen Epoche ist überholt und damit auch das Zeitalter der Exklusion der Gehörlosen. Es wird hoffentlich nicht mehr lange dauern, bis auch oralistisch geprägte Hörbehindertenlehrer die Kulturtage besuchen und sich dort von der Offenheit und Vielfalt inspirieren lassen.

Bei meinem Vortrag über die Gehörlosen im Dritten Reich war zentral, dass der Begriff „Volksgemeinschaft“ ein wichtiger Begriff für die historische Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ist. Dieser Aspekt wird in der allgemeinen Geschichtswissenschaft immer mehr erörtert, hingegen ist er in der deutschen Deaf History noch nicht berücksichtigt worden. Für die Besucher meines Vortrags war dies etwas gänzlich Neues. Auch andere Vorträge waren beeindruckend, weil sie Neues hervorbrachten. Das ist das Spannende bei den Kulturtagen, die auch zunehmend Themen wissenschaftlich beleuchten. Wenn man sich an alle fünf Kulturtage zurückerinnert, dann ist eine Vorwärtsentwicklung der Gehörlosen-/Gebärdensprachgemeinschaft sichtbar, im Zuge vieler gesellschaftlicher und politischer Veränderungen.

Für die Bundesvereinigung für Kultur und Geschichte Gehörloser e.V. (BV KuGG) mit ihren Bereichen Film, Kunst, Theater, Deaf History und Deaf Studies wird es insbesondere wichtig sein, dass eine optimale Kulturvermittlung, also eine bessere Wahrnehmung der Gehörlosenkultur durch die hörende Gesellschaft, entsteht. Durch die Kulturarbeit, die wir seit Jahren praktizieren und zu der wir jedes Jahr eine Jahrestagung organisieren, ist auch unsere Kompetenz gewachsen. Gerade zu diesem Thema haben wir auch einen Workshop unter dem Titel: „Inklusion – neue Wege auch für Kulturarbeit“ durchgeführt. Die zentrale Position der BV KuGG war und ist: Ohne Respekt gegenüber der Lebenswelt der tauben Menschen mit ihrer Kultur und Sprache wird keine gelebte Inklusion entstehen. Erst durch das verständnisvolle und barrierefreie Miteinandergestalten zwischen tauben und hörenden Menschen wird eine Inklusion ermöglicht und gelebt. So können sich beide Seiten aufeinander zu bewegen, neue Wege gehen und eine inklusive Gesellschaft bilden.

Ein wenig im Gegensatz hierzu stand das Grußwort vom Staatssekretär des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales als Vertreter der Bundesarbeitsministerin von der Leyen bei den Kulturtagen. Er betonte, dass taube Menschen nicht so in ihrem ‚Terrain‘ verharren, sondern sich für das gemeinsame Leben in der Gesellschaft im Sinne der Inklusion einsetzen sollen. Dafür hätte er sicherlich andere Worte gefunden, wenn er das Programm der Kulturtage vorher studiert hätte. Dann hätte er die diversen Aktivitäten rund um die Gehörlosenkultur wahrnehmen und als einen Beitrag zur Inklusion und Vielfalt der Gesellschaft verstehen können. Die Podiumsdiskussion zum Thema „Barrierefreiheit im Fernsehen“ spiegelte ebenfalls wider, dass noch viel Überzeugungsarbeit seitens der Gehörlosen vonnöten ist. Es war lediglich ein Vertreter der ARD anwesend, der sich um Aufklärung der Sachverhalte bemühte. Andere eingeladene Medienvertreter von verschiedenen anderen Fernsehanstalten waren gar nicht erst gekommen.

Die Eröffnungsfeier war mit vielen musikalischen Einlagen untermalt, welches zurzeit ein Trend unter jungen tauben Menschen ist. Sie zeigen Leidenschaft dafür, und es ist eine weitere Bereicherung für unsere vielfältige Gehörlosenkultur. Jene Vielfalt aber bei der Eröffnungsfeier auch zu zeigen wäre vielleicht passender gewesen. Auf Gebärdensprachpoesie wurde diesmal leider gänzlich verzichtet. Wir brauchen genau jene Vielfalt, die die verschiedenen Facetten unserer Kultur aufzeigt: Film, Poesie, Kunst, Theater, Geschichte usw. Schade war auch, dass bei der Eröffnungsfeier kurz über die amerikanische Deaf History berichtet wurde (Gallaudet bei seiner Rückkehr mit Clerc nach Amerika 1816). Eigentlich hätten wir selber genug von unserer, der deutschen Deaf History zu berichten.

Das Veranstaltungsprogramm war so vielfältig, dass man die berühmte „Qual der Wahl“ hatte. Erleichternd war, dass fast alle Inhalte der Vorträge und Workshops vor den Kulturtagen auf der Homepage der Kulturtage kurz mit Gebärdensprachfilmen vorgestellt worden sind. So konnte man sich besser vorstellen, was in den jeweiligen Workshops und Vorträgen passieren wird und was am besten zu den eigenen Interessen passte. Ideal wäre es m.E., wenn maximal vier Veranstaltungen parallel angeboten werden. Dafür könnte man dann vier große Räume bereitstellen, die bspw. bis zu 500 Personen fassen können. Die breite und große Halle war für die Abschlussfeier m.E. nicht die beste Wahl. Der Raum ermöglichte kaum eine festliche Atmosphäre und ließ kaum eine feierliche und wohlige Stimmung aufkommen, die in der Kulturszene nicht zu kurz kommen darf. Diese Kriterien für die Auswahl der Räumlichkeiten sollten in Zukunft Berücksichtigung finden.

Bedenklich finde ich, dass der Einsatz für die kulturellen Aktivitäten bei den Kulturtagen insgesamt nachgelassen hat. Hingegen war der Beginn der ersten Kulturtage 1993 in Hamburg noch in aller Munde und die Aufbruchsstimmung hat viele motiviert, aktiv zu werden. Doch immer weniger Künstler präsentieren sich auf den Kulturtagen. Es kann mit daran liegen, dass die Standgebühren erhöht wurden. Zudem mussten sie auf den Besuch der Vorträge und Workshops verzichten. Daher bevorzugten die anderen Künstler eher, auf ihre Ausstellungen zu verzichten und somit am Veranstaltungsprogramm teilzunehmen. Der Filmwettbewerb und auch der Fotowettbewerb, die in Erfurt stattfanden, waren eine Neuheit. Der Filmwettbewerb ist mit einem Dutzend eingereichter Filme für den Anfang gut angelaufen. Ganz wenige Fotobilder wurden eingereicht und bei der Ausstellung gezeigt. Es ist auch befremdlich, dass es insgesamt ganz wenige Theateraufführungen bei den Kulturtagen gab. Hingegen war der Spezial-Abend zum Thema „DDR“ wirklich sehr gelungen, er sorgte mit einem hervorragend gemachten Film und dem Theaterauftritt für gute Unterhaltung, ohne in Nostalgie an die DDR-Zeiten zu verfallen.

Die Kulturpreisverleihungen waren und sind immer als ein Höhepunkt bei der Abschlussfeier zu verstehen. Diesmal haben drei höchst engagierte Frauen die Kulturpreise im wahrsten Sinne verdient. Es sind Liisa Kauppinen (Finnland), Käthi George (Bremen) und Gerlinde Gerkens (Kiel). Mit Weitsicht und Leidenschaft haben sie für die bessere Zukunft der Gehörlosen und der hörenden Menschen, die mit den Gehörlosen zu tun haben, gekämpft und die Verständigung mit der Gesellschaft erfolgreich gesucht und gefunden.

In Erfurt fehlte m.E. aber auch noch etwas Wesentliches: Die Präsentation des DGB als Spitzenverband sowie als Zusammenschluss von 16 Landes- und 10 Fachverbänden. Viele Mitgliedsverbände waren auf den Kulturtagen nicht präsent, ihre Arbeit nicht sichtbar, weder durch Stände noch durch Beiträge im Programm. Von der kulturellen Vielfalt, die die deutschen Institutionen mit 16 verschiedenen Bundesländern immer wieder hervorheben, sind wir so noch weit entfernt. Bei den nächsten Kulturtagen sollten die Mitgliedsverbände des DGB als Gemeinschaft auftreten und der Gehörlosen-/Gebärdensprachgemeinschaft und der interessierten Öffentlichkeit zeigen, dass der DGB mit seinen Mitgliedsverbänden über vielfältige Kompetenzen verfügt. 

Mit dieser meiner (positiven, aber auch kritischen) Rückmeldung über die Kulturtage ist der Wunsch verbunden, dass die vom DGB ausgerichteten Kulturtage ein immerwährender Höhepunkt in der Gehörlosenkultur bleiben. Dass wir alle vier Jahre unsere Kultur feiern, ist ein wesentlicher Beitrag zur gelebten Vielfalt der Gesellschaft und sollte von der Gesellschaft auch als solcher honoriert werden.

 

geschrieben von Helmut Vogel, MA, Historiker vom Geschichtsbüro „Deaf History Now“, Frankfurt am Main und Vorsitzender der Bundesvereinigung für Kultur und Geschichte Gehörloser e.V.

 Veröffentlicht in: Das Zeichen. Zeitschrift für Sprache und Kultur Gehörloser, Nr. 92. 26. Jahrgang, 2012, S. 638-643